Woher kommt der Klammeraffe? Drucken E-Mail
Samstag, den 01. Januar 2005 um 00:00 Uhr
Ein kleines a mit einem gegen den Uhrzeigersinn gedrehten Kringelkreis, das @, macht Weltkarriere und nistet sich mit Macht auch im deutschen Bewußtsein ein. Computernutzern ist es längst bekannt. Sie drücken die Tasten Alt-Gr und Q gleichzeitig, und da steht es auf dem Bildschirm. Sie nennen es Klammeraffe, Affenohr, manchmal auch Affenschwanz oder, überseriös, at-Zeichen. Zoologen wundern sich, denn Klammeraffen aus Afrika sind eigentlich ihre Domäne. Das Symbol Klammeraffe @ soll vom englischen "at" stammen.
Soll. Denn unsere Lexika und Wissenschaftler schweigen noch, und auch der literarisch interessierte Mann auf der Straße reagiert eher ignorant auf das neue Zeichen.


 

Die Saarbrücker Juristen-Datenbank Juris setzt es für den Paragraphen ein - es ist offenbar international gängiger als das Juristensymbol §. Wer Lexika befragt, wird herb enttäuscht.
Sogar der Informatik-Duden glänzt auf allen Stichwort- Ebenen mit Nichtwissen. Dabei ist das Zeichen schon Bestandteil von Zeitschriftentiteln und zahlreichen Sprachspielereien, wo es das a ersetzt. Buchdrucker und Typologen kennen es längst, sie müssen Visitenkarten drucken und monieren mürrisch die zu großen Ober- und Unterlängen des @. Zunehmend lassen die Leute nämlich die Chiffren für ihre elektronische Post (eMail) auf ihren Karten vermerken.

Der Klammeraffe trennt für Internet und eMail den Menschen von der Maschine: links die Person, dann das Zeichen @, dann die Computerdomäne, die den Menschen bedient. Das Affenohr, selbst von Amerikanern noch gelegentlich mit dem kaufmännischen "und" (&), englisch "ampersand", verwechselt, kam auf wunderliche Weise in die eMail-Adresse - durch den Programmierer und Hacker Ray Tomlinson, der 1972 in den wenigen damaligen Netzen Amerikas, die technisch noch sehr unterschiedlich waren, Programme für den elektronischen Verkehr in diesen Netzen schrieb, also die eMail implementieren wollte.

Tomlinson suchte eine Möglichkeit, den Namen des Users eindeutig und unmißverständlich von den Bezeichnungen der Maschinen und Domänen zu trennen. Er forschte nach einem Zeichen, das niemals im Namen eines Menschen auftauchen würde. So blickte er prüfend auf das Keyboard, das er selbst benutzte, ein "Model 33 Teletype". Das Zeichen durfte keine Ziffer und kein Buchstabe sein. "Ich wählte das @-Zeichen", sagte er später. Das Affenohr hatte den Vorteil, "bei" zu bedeuten und erfüllte die Voraussetzungen Tomlinsons.

Tomlinson hatte keine Ahnung, daß er die Welt mit einem neuen Buchstaben pflasterte. Viele seiner Freunde waren jedoch entsetzt über seine Entscheidung, denn in Computersystemen der damaligen Zeit war der Klammeraffe das Steuerzeichen für die Löschung einer Zeile. Das "line killing"-Zeichen verkürzte also plötzlich Briefe auf unangenehme Weise. Im April 1975 war auch dieses Problem durch eine neue Vereinbarung über einen Standard-Briefkopf gelöst. Der Klammeraffe konnte keine Zeilen mehr morden, sondern sich harmlos ausbreiten.

Wer die frühe Herkunft des modischen Zeichens, das energisch von Amerika aus in unsere Kultur eindringt, erforschen will, hat eine harte Nuß zu knacken. Eine einigermaßen zeitige Erwähnung für Deutschland war nur in dem fabelhaften Schriftenbuch von Kiermeier-Debré/Vogel (1995) zu finden: Der Altmeister der deutschen Typographen, Hermann Zapf aus Frankfurt, hat alle relevanten Piktogramme und Typosignale in den "Zapf Dingbats" bereits 1978 gesammelt und publiziert; da erscheinen gleich zwei Varianten des Klammeraffen.
In den Vereinigten Staaten ist das Zeichen die Nummer 64 des amerikanischen 7-Bit-Standard-Codes für Datenaustausch, genannt ASCII, erlassen von der amerikanischen Normungsbehörde American National Standards Institute (ANSI) in den frühen sechziger Jahren.

Da war also das at-sign bereits so etabliert in USA, daß es vor dem großen A auf der Code-Liste stehen durfte. Im 5-Bit-Code des Franzosen Emile Baudot (nach ihm ist die Datengeschwindigkeit "baud" benannt) vom Ende des 19. Jahrhunderts war unser Klammeraffe @ noch nicht vertreten. Ein exzellenter Kenner der angloamerikanischen Kultur versicherte, das at-Zeichen @ sei die Entsprechung des französischen à mit accent grave: fünf Äpfel zu zehn Pfennig, fünf Äpfel à zehn Pfennig, five appels at ten cents. Die Kaufleute hätten das @ in England lange so auf ihre Preisschilder geschrieben.
Daher wird der Klammeraffe in der englischsprachigen Welt auch als "commercial a" bezeichnet. Er war so schon auf ersten amerikanischen Schreibmaschinentypen zu finden. In Schweden scheint er ebenso schon lange heimisch zu sein.

Auf der iberischen Halbinsel trat das @-Zeichen noch weit früher auf; es soll aus dem Jahr 1555 zum erstenmal überliefert sein. Spanische, portugiesische und dann auch französische Kaufleute handelten mit Stieren und Wein, und sie nutzten dabei ein Maß für Festes und Flüssiges, "arroba", etwa 10 Kilogramm (25 Libras) oder um die 15 Liter. Das Wort ist arabisch, Ar-roub bedeutet "das Viertel".
"Arroba, Arobas" wurde mit dem Klammeraffen @ dargestellt - und dieser dann als Arroba bezeichnet. Der Namen arroba für das @ hat sich seither in Spanien und Frankreich gehalten.

Wer weiter zurück sucht, stößt, nach einer großen Leere - die Digitalfreaks sind auffallend geschichtsfeindlich - unweigerlich auf den amerikanischen Handschriftenforscher und Paläographen Berthold Louis Ullman, der in seinem Buch "Ancient writing and its influence" (1932, Reprint Cambridge 1969, Reprint Toronto 1980 [Z105.U4] ) meint, der Klammeraffe @ sei eine mönchische Ligatur oder Abkürzung in lateinischen Handschriften des Mittelalters. Die Schreiber damals hätten damit aus Platznot oder Bequemlichkeit das lateinische "ad" (an, zu) abgekürzt, ein häufiges Wort in Latein-Texten. Aber weder das Buch von Ullman mit einem Beweis noch eine andere veritable Belegstelle mit einem mittelalterlichen Klammeraffen war aufzutreiben.

Der schwedische Journalist Karl-Erik Tallmo berichtete immerhin darüber 1994 in Svenska Dagbladet: das @-Zeichen könne laut Ullman aus dem 6. oder 7. Jahrhundert stammen: die Rundungen von a und d seien ineinander verschmolzen, der Aufstrich des d sei dann schwungvoll nach links gezogen worden.

Abbreviaturen und Ligaturen kamen allerdings erst sechs Jahrhunderte später auf. Die fünf spätmittelalterlichen lateinischen Urkunden, die sich in der eigenen kleinen Bibliothek des Schreibers dieses fanden, Gründungsurkunden und ähnliches, hatten alle schön ausgeschriebene "ad"s in vielen Varianten. Aber es waren kalligraphische, offizielle Urkunden. Fehlanzeige auch in Büchern über Zeichen und Symbole aus aller Welt. Kein @ im Mittelalter.

Im Schriftenbuch des Carl Faulmann (1880), von Greno (Delphi) 1985 neu gedruckt, finden sich mehrere Buchschriften des Mittelalters, auch eine ausführliche Liste von Abbreviaturen und Ligaturen dieser Zeit. Der Klammeraffe ist nirgendwo dabei. Nur ein Initial aus dem 9. Jahrhundert weist große Ähnlichkeit mit dem Affenohr auf, aber es ist ein großes G.

Ein Freiburger Mediävist, Professor, Kenner von Handschriften, lachte denn auch höhnisch, als er nach einem Affenohr @ in lateinischen Handschriften gefragt wurde: "Das lateinische ad können Sie so nicht darstellen", meinte er, "da kann ich nicht mitspielen!". Also vermutlich keine Existenz des @ im Mittelalter und schon gar nicht früher.

Für die internationale Benennung des Klammeraffen in der Gegenwart war das Internet ein übersprudelnder Quell. Die in Taiwan lebende amerikanische Linguistin Karen Steffen Chung hatte per Email nach dem Namen des Symbols in der Heimatsprache ihrer Adressaten gefragt. Die Liste, die sie im Internet publizierte, umfaßt -- mit addendum -- 40 Sprachen einschließlich Esperanto, referiert von 115 Zusendern aus vieler Herren Länder.
Unser Klammeraffe setzte der Sprachphantasie keine Grenzen. Ein unglaubliches Dokument mit über 1500 Zeilen, abrufbar im Internet unter den Stichworten LINGUIST und THE @ SYMBOL, oder besser gleich die richtige Adresse.

Vom serbischen "verrücktes a" bis zur poetischen türkischen "Rose" reichen die neuen Namen.
Affenschwanz oder netter -schwänzchen sagen die Niederländer, die Polen knapp Affe, ebenso die Slowenen und die Serben, die aber auch äffisches a sagen. Ein Esperanto-Fan hat es Spinnenaffe getauft, die Dänen nennen das @ Sauschwanz, Rüssel-a heißen es die Dänen, die Norweger und die Schweden.
Die Engländer, die Franzosen, die Israeli, die Koreaner machten es zur Schnecke, was einen merkwürdigen Gegensatz zur alten "Schneckenpost" ergibt. Die Mandarin-Chinesen sagen zu dem @ Mäuschen, die Griechen Entchen.
Die Finnen und Schweden haben auch noch Katzenmetaphern ersonnen: Katzenschwanz, Katzenpfote,Miuku mauku (Finnisch fürs Katzen-Miau), die Polen sagen Kätzchen.
Die Russen benamsen das @ dagegen durchgehend als Hündchen (sobachka).
Die Spanier, Portugiesen, Katalonier und Franzosen benutzen den Namen des alten arabischen Maßes weiter: ar(r)oba(s). Gebäck muß herhalten beim hebräischen Strudel, der schwedischen Zimtrolle, vielleicht dem polnischen Schweinsohr, jedenfalls beim russischen Rundkeks.
Wurm oder Made (Kukac) sagen die Ungarn zu dem @, die Thais geringelter Wurm.
Bildkräftig sind die Norweger: Sauschwanz und geringeltes Alpha.
Ganz witzig sind Engländer, die das @ bildkräftig einfach das Gelächter nennen.
Eine besonders originelle Bezeichnung stammt aus Tschechien und der Slowakei: Rollmops - eine eher geheimnisvolle aus Südindien; auf Tamil heißt das Zeichen Inaichuzhili.
Bei der Erklärung dieses Wortes brach das Dokument ab.

Nachdem ein Teil dieser Betrachtung über das @ unter der Überschrift "Die durchgedrehte Ligatur" in der ZEIT erschienen war (7. März 1997), beleuchteten Leser das Affenohr @ noch auf andere Weise.
Der Architekt Volkmar Hepp aus Frankfurt präsentierte eine Tafel aus dem Buch von Peter Jessen, der 1923 über "Meister der Schreibkunst" berichtet hatte. Diese Tafel war eine Schreibvorlage des venezianischen Schreibmeisters Augustino aus dem Jahr 1565. Tatsächlich erscheint dort ganz präzise und identisch unser Affenohr @. Es wird aber in der Schreibvorlage eben nur als kunstvolle Form des kleinen a ausgewiesen. Immerhin zeigt dies: zwischen dem Buchstaben klein a und unserem Affenohr @ besteht graphisch nur eine ganz kleine Distanz.

Ein historisch interessierter Jurist, Dr. Raimund Weber aus Heubach, brachte dagegen einen Klammeraffen noch mit anderer Bedeutung.
In den Akten des Reichskammergerichts aus dem 18. Jahrhundert lebt das @ bereits mit den Bedeutung "Contra" (gegen). "Maier @ Müller".
Das noch frühere, mittelalterliche contra-Zeichen setzte sich zusammen aus den Kürzeln für CON und TRA; das Zeichen sieht aus wie ein griechisches, klein geschriebenes Sigma. Quasi ein umgekehrtes Affenohr mit Drehung im Uhrzeigersinn, nämlich nach rechts. Merkwürdigerweise änderte sich dieses Zeichen für contra nach dem Dreißigjährigen Krieg - es wird nun spiegelbildlich geschrieben, nach links gegen den Uhrzeigersinn gedreht.
Unser Affenohr @ steht bereits in den Akten des Reichskammergerichts - in ganz anderer Bedeutung. Unserer Kultur ist es also, das zeigen beide Beispiele, überhaupt nicht fremd.

Copyright 1998, 1999, Hanno Kühnert

 
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